Vollverstärker

Aura VA50 ca. 1995

Revision:

Nach Bedarf, mindestens:

  • Alle Elektrolytkondensatoren und Trimmer erneuern
  • Bedienelemente zerlegen und reinigen/versiegeln

Eigenschaften

  • schwarzes Gehäuse - Glänzend schwarze Front mit matt anodisiertem Schriftzug
  • Phono MM
  • 4 Line Eingänge
  • Tape Schleife
  • Kopfhörerausgang

 

Beschreibung

Meines Wissens zeichnet für den inzwischen nicht mehr aktiven Markennamen Aura die Firma B&W. Charakter und Aufbau dieser Geräte sind typisch britisches Design, angefangen beim Ringkerntrafo, der spartanischen Ausstattung bis hin zum fehlenden Kühlkörper, weil die Leistungstransistoren einfach an das Bodenblech geschraubt sind und somit das ganze Gehäuse zur Kühlung verwenden. Bei dieser Methode erwärmt sich das Gerät sehr gleichmäßig. Der Ruhestrom des Aura ist relativ hoch für einen Briten und macht ihn in etwa handwarm. Dies bedeutet einen relativ hohen Class-A bereich und entsprechend niedrige Übernahmeverzerrungen der Endstufen-MOSFETs. Für die Elektolytkondensatoren ist "handwarm" eine klanglich optimale Arbeitstemparatur, erhöht aber natürlich auch den Verschleiß.

Änderungen

Daher wurden bei der Revision

  • alle kleinen Elektrolytkondensatoren von 85°C-Typen gegen 105°C-Typen ausgetauscht, was deren Lebensdauer bei ansonsten gleichen Bedingungen in etwa vervierfacht. Die dabei verwendete Panasonic FC-Serie ist auch klanglich hervorragend.
  • die Quell-Umschalter ausgebaut, zerlegt und gereinigt
  • verschlissene Leistungs-Kohleschicht-Widerstände im Netzteil wurden durch neue MOX-Typen ersetzt

Das Gerät kam leider in recht verräuchertem Zusatnd zu mir, daher wurde es komplett zerlegt und mit Platinenreiniger von allen Oberflächenrückständen befreit. Einzig bei ein paar kleinen, weißen Plastikteilen im Inneren blieb eine Verfärbung, alle Oberflächen und Bauteile sind jetzt sauber und geruchsfrei.

Ergebnis

Ja, der Aura hat die Mühe gelohnt. Er spielt mit gutem rhythmischem Gespür und Druck. Wer noch die japanischen MOSFET-Designs der frühen 80er Jahre im Ohr hat wird überrascht sein von dem dynamischen und dennoch sanften Charakter dieses Briten. In den 90er Jahren gab es eine ganze Reihe dieser Konstruktioinen z.B. von Sugden, Creek oder Arcam. Deren Aufbauprinzip beruht vermutlich auf ein paar Veröffentlichungen von Douglas Self, der sich unter anderem mit gemischten Compound-Endstufen befasst hat, die aus bipolaren Treibern und den (wenn richtig beschaltet) unverwüstlichen MOSFET-Leistungstransistoren zusammengesetzt waren.

Alles in allem: für ein recht kleines Gerät beeindruckend gut ausbalanciert.

Anmerkung Sommer 2016:

Nachdem ich kürzlich ein Kundengerät überarbeitet habe und mir der Schaltplan im Netz in die Finger fiel kann ich zur Konstruktion inzwischen mehr sagen:
Nein, das Self-Design hat nicht Pate gestanden, der Verstärker ist in der Endstufe ein Standard-Source-Folger-Konzept, das sogar noch weniger Zwangs-linearisierende Teile verwendet, als die Hitachi "application note" zum 2SJ50/2SK135. Es wird also relativ wenig "über-alles-Gegenkopplung" angewendet und eine Einfachst-Vorwärts-Schaltung ohne Tricks - Man erreicht eine gute Linearität ohne allzu störende MOSFET-Artefakte (i.d.R. sehr "glasig" klingendes Übernahme-Klirr-Spektrum) durch einen satt gewählten Ruhestrom - das Gerät schenkt sich im Gegensatz z.B. zu einem Incatech Claymore, einem Lector VFI-70L II oder einem Atoll IN-100 mindestens satte 20 Ruhe-Watt pro Kanal ein (ca. 200mA Ruhestrom), womit die Klirr-Problemzonen durchaus außer Sicht/Hör-Weite geraten.

Heikel erscheint mir im Original die Verwendung minderwertiger Trimmer für Offset und vor allem Ruhestrom - unterbricht so ein Plastik-ISKRA oder -Piher nach vielen Jahren, weil der Kunststoff nachgibt, dann gibt es kein Halten mehr und die Endstufe gibt Vollgas, bis zumindest die Sicherung aufgibt.

Lässt sich alles bei einer Revision in Ordnung bringen und ergibt ein wirklich wohlklingendes Gerät, der Überarbeitungs-Aufwand ist aber wegen der nicht allzu guten Handhabung der Montage umfangreich, die letzte Rechnung (Komplett-Revision mit Recapping) lag um die schwer verdienten 400€.